Platten- Debüt mit 65!
Wer gemutmaßt hat, sein neues Rentnerdasein würde schwierig, er könne sich gar langweilen, so ganz ohne die Arbeit für den Wirtschaftsverband Holz und Kunststoff Saar, der sieht sich getäuscht. Nein, Michael Peter, seit fast einem Jahr im (Un)ruhestand, genießt seinen neuen Lebensabschnitt und widmet sich Interessen und Dingen, für die bislang keine oder nur wenig Zeit war. Da wäre etwa das Klavierspiel. Schon immer eine Leidenschaft des heute 65-Jährigen, allein die Zeit zum Üben oder gar Komponieren war doch eher rar gesät in den oft stressigen und aufreibenden Jahren der Berufstätigkeit. Jetzt haben er und seine Tochter Nora eine gemeinsame Platte eingespielt und auf CD gebrannt. Eine echte Überraschung – allein schon deshalb, weil die Qualität der Aufnahme sehr professionell ist und weil die ausschließlich selbst komponierten Stücke aufhorchen lassen. Das wirft Fragen auf, die beantwortet werden wollen.
Wie etwa kommt es zum Titel der Platte, die sich „Soundtracks – Before it‘s too late“ nennt? „Schon immer bin ich Fan von Filmmusik und spiele seit meiner Kindheit Klavier, da war es naheliegend, die Aufnahme so zu betiteln. Einfach und klar“, sagt Michael Peter, der hier unter seinem Kosenamen „Mike“ als Komponist und Interpret das Copyright für sechs der sieben Stücke zeichnet. Bleibt die Frage, warum als Untertitel „Before it‘s too late“, also „bevor es zu spät ist“, gewählt wurde?
„Der Zusatz zu den Soundtracks ist klar von meinem großen musikalischen Vorbild und Lieblingsmusiker inspiriert, der plötzlich und für immer verstummt ist“, sagt Pianist „Mike“ und spielt auf den amerikanischen Jazzstar und Pianisten Keith Jarrett an, der im Mai 80 Jahre wird und seit zwei Schlaganfällen im Jahr 2018 nicht mehr auftreten kann. Zum Hintergrund: Jarrett wurde oft als der größte Improvisator unserer Zeit gefeiert. Seine Aufnahme „The Köln Concert“ ist mit vier Millionen Exemplaren das meistverkaufte Klavier-Soloalbum über alle Genregrenzen hinweg. In diesen Tagen feiert die legendäre Platte ihren 50. Geburtstag und wird 2025 auch mit zwei Filmen im Kino gewürdigt. Viele Jazzfans – wie Michael Peter – halten ihn für den größten lebenden Pianisten.
Seinen letzten Auftritt live vor Publikum hatte Jarrett 2017 in der New Yorker Carnegie Hall. Es wird sein letztes Mal bleiben. „Soll heißen, bevor es zu spät ist, wollte ich gerne meine eigenen Stücke noch auf Platte bannen. Man kann ja nie wissen“, sagt der 65-Jährige nüchtern-realistisch. Gleichzeitig gibt er zu, vor 40 bis 45 Jahren das Spiel mit den schwarz-weißen Tasten routinierter beherrscht zu haben. Zwar hat er in den letzten Monaten beinahe täglich bis zu einer halben Stunde lang geübt, „auch um die neuralen Strukturen im Gehirn zu trainieren“, doch mit den Jahren nimmt die Fingerfertigkeit nun mal ab.
Davon ist auf der Platte allerdings nichts zu hören. Aber wie ist es überhaupt zu diesem Projekt gekommen? „Das war mehr oder weniger Zufall, weil meine Tochter Nora von einer Lehrerkollegin erfuhr, dass deren Gatte Sebastian Becker in Riegelsberg ein professionelles Tonstudio hat.“ Zum letzten Geburtstag schenkte die Familie Teilzeit-Rentner Mike eine entsprechende Aufnahme-Session. Tontechniker Becker war gleich begeistert mit im Boot und hat die mit unterschiedlichen Mikros im Peterschen Wohnzimmer aufgenommenen Stücke in seinem Studio mit digitaler Profitechnik abgemischt und so produziert, dass das Ergebnis dem Klang des realen Klaviers sehr nahekommt – und die filmische Affinität tatsächlich gut rüberkommt.
So klingt etwa „Valse Nouvelle Vague“, als stamme es aus einem Original- Soundtrack dieser bedeutenden und prägenden Epoche des französischen Kinos. Aber wie kommt es zu diesem Titel? „Es ist ein Walzer, atmosphärisch angelehnt an den Soundtrack eines meiner Lieblingsfilme ,Fahrstuhl zum Schafott’. Die Musik von Star-Trompeter Miles Davis gehört zu meinen absoluten Favoriten“, sagt Pianist „Mike“. Gutes Stichwort, denn auch der Filmklassiker von Regisseur Louis Malle an sich harrt der Wiederentdeckung – unbedingt: Ein Mann erschießt den Ehemann seiner Geliebten. Als er eine verräterische Spur beseitigen will, bleibt er im Fahrstuhl stecken. So misslingt der sorgfältig ausgeklügelte Plan – und der Zufall stellt alle Beteiligten vor eine neue Entwicklung.
Die erzählerische Kraft von reinen Klavierstücken ist auch auf Titeln wie „Jazzzug“ oder „Gymnopädie“ auf dieser CD zu hören. „Letzteres spiele ich schon seit über 40 Jahren, schon als ich in Saarbrücken neben Jura noch Musikwissenschaft studiert habe“, verrät Michael Peter. Aber erst für die Aufnahme jetzt habe er eine endgültige Komposition entwickelt.
Auch „Fragen ohne Antwort“ wirft die Frage auf, woher diese melancholische Fingerübung auf der Platte von Michael „Mike“ Peter und Nora Dietz ihren Titel hat? „Also letztlich lag das daran, dass Sebastian ‚Seb‘ Becker nach den Titeln der Stücke fragte und das Hauptmotiv des Stückes ist fast durchgehend präsent, so als würde jemand die immer gleiche Frage stellen, auf die er nie eine Antwort bekommt.“ Da kam Peter ein Stück des amerikanischen Komponisten Charles Ives (1874 bis 1954) in den Sinn: „Unanswered Question“, zu Deutsch „Unbeantwortete Frage“.
Bleiben noch die Stücke „Open End“ (frei übersetzt: es möge niemals enden) und das chorale Plattenfinale „Hymne & Chorus“ zu erwähnen, die den Traum von der ersten eigenen Musikaufnahme beschließen.
Und wie sind sonst die Tage jenseits der Musik? „Ausgefüllt und gut: Meine Frau und ich betreuen regelmäßig unsere Enkeltochter, gewissermaßen meine neue Hauptbeschäftigung“, sagt der vielfältig aktive Ruheständler, der seine anwaltlichen Tätigkeiten als „Schreineranwalt“ langsam beenden möchte. Im Ehrenamt ist er aber weiterhin im Bundestarifausschuss der Raumausstatter tätig, sitzt im Verwaltungsrat der IKK Südwest und des Medizinischen Dienstes Saarland, arbeitet im Widerspruchsausschuss der Deutschen Rentenversicherung und nimmt nicht zuletzt seine Funktion als Kreisvorsitzender der CDU-nahen Mittelstandsvereinigung MIT Saarbrücken- Land weiterhin sehr ernst.
Und dann wären da noch die gelegentlichen Anrufe seines Nachfolgers Peter Bruxmeier vom Wirtschaftsverband Holz und Kunststoff Saar, dem er immer wieder gerne Auskunft gibt: „Wenn ich helfen kann, tue ich das immer gerne!“